Dienstag, Februar 14, 2012

Nach Hause


"Also hier würd ich nicht wohnen wollen", sagte die grimmige alte Frau, die mir entgegen kam, als ich nach meiner Besorgungstour aus der Innenstadt in das Wohnviertel, in dem ich aufgewachsen bin, heimkehrte. Mittlerweile lebe ich in einer größeren Stadt von etwa einer halben Million Einwohner, die circa 100km von meiner Geburtsstadt entfernt liegt. Aber ich besuche meine Eltern regelmäßig und jetzt zur Weihnachtszeit länger als ein obligatorisches Wochenende pro zwei Monate. Ich habe gern hier gelebt. Die kleine Stadt, reichlich vierzigtausend Seelen zählt sie, liegt ruhig und unbehelligt-provinziell am Fuße eines Mittelgebirges, ist für dies und jenes über die Grenzen des Landes hinaus bekannt und für ostdeutsche Verhältnisse haben hier viele Menschen Arbeit; die Firmen ziehen sogar mehr zu als ab. Zum Aufwachsen empfand ich es hier als Ideal. Es gibt ein großes Kino, ein Erlebnisbad, einen großen Park, ein paar künstliche Seen im Umland, ein Gewerbegebiet mit vielen Läden, die jungen Menschen wichtig sind und ein Gymnasium von gutem Ruf. Der Ort ist groß genug, um sich nicht gänzlich zu langweilen, aber ausreichend klein, um die nächtliche Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten.
Ende der 1980er Jahre entstand im Westen der Stadt auf einer bis dahin noch unbebauten Fläche ein großes Neubaugebiet, voller sechsgeschossiger Plattenbauten. Ich ging geradeso in den Kindergarten, als wir in einen dieser Blöcke zogen, einfach weil es preiswerte, geräumige (meine Mutter war gerade mit meiner Schwester schwanger) Wohnungen waren und man auch irgendwie als hip galt, wenn man einen der Betonklötze bezog. Und so wimmelte es in den Neunziger Jahren vor jungen Familien mit ein bis drei Kindern in den Neubauten, die Wiesen des erstaunlich grünen Plattenbaugebietes waren im Sommer voller spielender Kinder und im Winter der Schauplatz vieler Schneeballschlachten und schneearchitektonischer Meisterleistungen. Doch die Hipness war schnell dahin. Heute leben hier vor allem alte Menschen, schlecht integrierte Osteuropäer, Studenten - die Schnitte der Wohnungen eignen sich in der Tat prima für Wohngemeinschaften-, und eben jene Ehepaare, die vor 20 Jahren mit ihrer kleinen Familie hier her gezogen sind. Die Grünflächen sind leer und die Sommernachmittage leise geworden. Sobald meine Schwester mit der Schule fertig ist und wegzieht oder irgendwie eigenes Geld verdient, werden sich wohl auch unsere Eltern eine Bleibe suchen, die ihrem nicht niedrigen Lebensstandard angemessener scheint. Ich habe für die beiden immer von einer verwinkelten, fensterreichen Altstadteigentumswohnung geträumt.
Trotz all dem bin ich der Frau, die mir auf dem Heimweg entgegen kam, böse. Ich hatte hier eine Kindheit, die schöner und erfüllter nicht hätte sein können, inmitten vieler gleichaltriger Kinder, die gern mit ihren Eltern auf dem Balkon, auf dem Grillen verboten ist, gesessen haben. Zugegeben, diese Weihnachtswoche bei meiner Familie gehört zum anstrengendsten, was ich im Laufe dieses Jahres gemacht habe - die Wände haben hier Ohren, jeder Tropfen, der im Badezimmer die Keramik trifft, wird im Nebenraum vernommen und das Prinzip der Privatsphäre war und ist meinen Eltern von jeher fremd. Drei bis vier Mahlzeiten am Tag, zu recht festgelegten Uhrzeiten, überstrapazieren meinen Appetit und mein Bedürfnis nach Gesundheit und einem schlanken, straffen Körper und die Anzahl der Bars und guten Kneipen, in denen ich mich abends mit alten Freunden aus Schulzeiten treffe, die in diesen Tagen den Weg in die alte Heimat ebenso gefunden haben wie ich, ist grausam gering. Jetzt, da ich die Auswahl einer großen Stadt genießen kann - die irischen Pubs, die spanischen Tapas- und Cocktailbars, die Fußballkneipen ... - kommt sie mir sogar noch geringer vor als früher. 
Doch ich lebte gerne hier. Ich werde immer wieder gerne hierher zurück kommen, für ein paar Tage. Und ich werde meine kleine Stadt und die Häuserblöcke, zwischen denen ich aufgewachsen und herumgetobt bin, vor jedem verteidigen.

1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Go F-Town! ;)

Ich denke da auch immer etwas wehmütig an Grundschulzeiten zurück. Von später hab ich ja nicht viel mitbekommen.

Schöner Post!